Null Grad draußen, 80 Prozent Luftfeuchte: Das klingt nach feuchter Luft. Wird genau diese Luft in der Wohnung auf 21 Grad erwärmt, bleiben rund 20 Prozent relative Feuchte übrig. Das ist Physik, und es erklärt, warum die Lippen im Winter oft als Erstes aufgeben.
Ihnen fehlt der Schutz, den die übrige Gesichtshaut hat. Die Lippenhaut besitzt keine Talg- und Schweißdrüsen und ist laut der dermatologischen Altmeyers Enzyklopädie nur durch eine Hornschicht von etwa einem Zwanzigstel Millimeter geschützt. Was ihr an Fett fehlt, muss von außen kommen, und längst nicht jeder Pflegestift liefert das, ohne zu reizen.
- Kalte Außenluft hat kaum Wasser. Aufgeheizt auf Zimmertemperatur sinkt ihre relative Feuchte bei minus 5 Grad auf rund 14 Prozent
- Lecken macht es schlimmer: Speichel verdunstet und trocknet die Lippen weiter aus
- Kampfer, Menthol, Eukalyptus, Duft- und Aromastoffe können gereizte Lippen zusätzlich reizen
- Stiftung Warentest fand 2023 in 10 von 30 Lippenpflegeprodukten kritische Mineralölbestandteile
- Auf Schnee in den Bergen brauchen die Lippen Sonnenschutz, im Flachland im Winter nicht
- Keine Besserung nach zwei bis drei Wochen, raue Stellen an der Unterlippe oder entzündete Mundwinkel gehören zum Hautarzt
Warum Heizungsluft die Lippen austrocknet
Kalte Luft kann nur wenig Wasserdampf aufnehmen. Selbst wenn sie draußen fast gesättigt ist, steckt absolut wenig Wasser darin. Wird sie beim Lüften hereingeholt und aufgeheizt, bleibt die Wassermenge gleich, die mögliche Menge steigt aber stark. Die relative Feuchte fällt.
Außenluft, 80 % relative Feuchte |
Wasser pro Kubikmeter |
Relative Feuchte nach Erwärmen auf 21 °C |
|---|---|---|
10 °C |
7,5 g |
40 % |
5 °C |
5,4 g |
28 % |
0 °C |
3,9 g |
20 % |
-5 °C |
2,7 g |
14 % |
-10 °C |
1,9 g |
9 % |
Berechnet mit der Magnus-Formel für den Sättigungsdampfdruck über Wasser. Gilt für Außenluft, die ohne zusätzliche Feuchte erwärmt wird. Kochen, Duschen, Pflanzen und Atmen heben den Wert in der Wohnung an.
Zum Vergleich: Das Umweltbundesamt hält in einem Empfehlungspapier zur Lüftung von Unterrichtsräumen 30 bis 60 Prozent für behaglich und kurzzeitig 20 bis 25 Prozent im Winter für möglich. Werte unter 20 Prozent bringt es mit vermehrten Reizerscheinungen in Verbindung. Gegen Schimmel empfiehlt das Amt 40 bis 60 Prozent und rät zu einem einfachen Hygrometer, um den Wert im Blick zu behalten.
Stoßlüften bleibt trotzdem richtig, weil es Feuchte und Schadstoffe abführt. Die Lippen schützt du anders: mit Pflege, die eine Schicht bildet. Die American Academy of Dermatology nennt zusätzlich einen Luftbefeuchter im Schlafzimmer, vor allem für Menschen, die nachts durch den Mund atmen. Ob sich das lohnt, zeigt das Hygrometer.
Lecken macht alles schlimmer
Der Reflex ist verständlich, die Lippen spannen, also befeuchtet man sie. Der Speichel verdunstet aber und nimmt dabei Feuchtigkeit mit. Die Lippen werden trockener als vorher. Aus der Gewohnheit kann ein eigenes Krankheitsbild werden, das Lippenleckekzem. Das Lippenrot wird dabei rau, schuppig und pergamentartig, oft mit feinen Einrissen, die strahlenförmig vom Mund weglaufen. Laut Altmeyers bessert es sich erst, wenn das Lecken aufhört.
Bei Kleinkindern ist es häufig, auch durch Speichelfluss und Schnuller. Wer sich dabei ertappt, dass die Zunge ständig über die Lippen fährt, kann einen Pflegestift griffbereit legen, in der Jackentasche, am Schreibtisch, neben dem Bett. Jeder Griff zum Stift ersetzt einmal Lecken.
Was in die Lippenpflege gehört und was nicht
Die American Academy of Dermatology hat ihre Empfehlungen für trockene, rissige Lippen in zwei Listen gefasst. Auf deutschen Packungen stehen die Stoffe unter ihrer INCI-Bezeichnung:
Stoff |
So steht es auf der Packung |
Einschätzung der AAD |
|---|---|---|
Vaseline |
Petrolatum |
hilfreich |
Sheabutter |
Butyrospermum Parkii Butter |
hilfreich |
Rizinusöl |
Ricinus Communis Seed Oil |
hilfreich |
Hanfsamenöl |
Cannabis Sativa Seed Oil |
hilfreich |
Ceramide |
Ceramide NP, AP, EOP |
hilfreich |
Dimethicon |
Dimethicone |
hilfreich |
Mineralischer UV-Filter |
Zinc Oxide, Titanium Dioxide |
hilfreich, draußen |
Kampfer, Menthol |
Camphor, Menthol |
meiden |
Eukalyptusöl |
Eucalyptus Globulus Leaf Oil |
meiden |
Duft- und Aromastoffe (Zimt, Minze, Zitrus) |
Parfum, Aroma |
meiden |
Wollwachs |
Lanolin |
meiden |
Salicylsäure |
Salicylic Acid |
meiden |
Chemische UV-Filter Octinoxat, Oxybenzon |
Ethylhexyl Methoxycinnamate, Benzophenone-3 |
meiden |
Bei Wollwachs sind sich die Fachleute nicht einig. Die AAD setzt es auf die Meiden-Liste, Altmeyers zählt reines Wollwachs beim Lippenleckekzem zu den Mitteln mit guter Wirkung. Wer Lanolin bisher gut vertragen hat, muss es nicht verbannen. Wer auf die Pflege mit Rötung reagiert, probiert einen Stift ohne. Und das Kribbeln mancher Stifte ist kein Zeichen von Wirkung. Brennt oder sticht ein Produkt, rät die AAD, es nicht mehr zu benutzen.
Auch Naturkosmetik ist nicht automatisch harmlos. In einer Studie aus Göteborg, erschienen 2019 in der Fachzeitschrift Contact Dermatitis, reagierten 17 von 95 Patientinnen und Patienten mit Lippenentzündung oder Gesichtsekzem im Allergietest auf Bienenwachs, 14 davon auch auf Propolis. Wer trotz Pflege nicht besser wird, sollte deshalb auch an den eigenen Stift als Ursache denken. Was Naturkosmetik-Siegel garantieren und was nicht, steht bei Clean Beauty.
Für sehr rissige Lippen empfiehlt die AAD eine dicke Salbe wie Vaseline, weil Salben die Feuchtigkeit länger halten als Wachse oder Öle. Praktisch ist das abends, dick aufgetragen, wenn du ohnehin nichts mehr isst.
Vaseline und Mineralöl: was beim Verschlucken zählt
Genau hier liegt der Haken. Lippenpflege bleibt nicht auf den Lippen, ein Teil landet im Mund. Die Stiftung Warentest fand im Herbst 2023 in 10 von 30 Lippenpflegeprodukten kritische Mineralölbestandteile und rät aus Vorsorge, diese zu meiden. Bestimmte aromatische Mineralöl-Kohlenwasserstoffe, kurz MOAH, können laut den Testern das Erbgut verändern und Krebs auslösen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht bei hochraffinierten Mineralölen über die Haut nach derzeitigem Kenntnisstand kein Gesundheitsrisiko. Für Lippenprodukte, die verschluckt werden können, hält es eine abschließende Bewertung aber für erschwert und empfiehlt, MOAH-Gehalte zu minimieren.
Als Schutzschicht empfehlen sowohl die AAD als auch Altmeyers Vaseline. Offen ist die Frage des Verschluckens. Für den Stift, der tagsüber zehnmal über die Lippen geht, lohnt deshalb ein Blick auf die Packung. Mineralölbestandteile erkennst du laut Stiftung Warentest an diesen Bezeichnungen: Cera Microcristallina, Ceresin, Mineral Oil, Ozokerite, Paraffin, Paraffinum Liquidum und Petrolatum. Eine Alternative sind Stifte auf Basis von Sheabutter, Pflanzenölen und Wachsen, sofern du Bienenwachs verträgst.
Sonne auf Schnee: Lippenschutz im Skiurlaub
Im Alltag brauchst du im deutschen Winter keinen Sonnenschutz, die UV-Belastung ist laut Bundesamt für Strahlenschutz zu gering. In den Bergen ändert sich das. Die UV-Strahlung nimmt um rund 10 Prozent pro 1.000 Höhenmeter zu, frischer Schnee reflektiert bis zu 90 Prozent. Für Gesicht und Lippen empfiehlt das BfS ein Breitbandmittel mit Lichtschutzfaktor 30, besser 50 oder 50+.
Für die Lippen gibt es dafür einen zweiten Grund. Sonnenlicht und kleine Risse an den Lippen gelten laut gesundheitsinformation.de als mögliche Auslöser von Lippenherpes. Wer dazu neigt, schützt sich mit Lippenpflege und Sonnenschutz doppelt.
Wann rissige Lippen zum Hautarzt gehören
Bei konsequenter Pflege sollten sich trockene Lippen laut AAD innerhalb von zwei bis drei Wochen deutlich bessern. Ist das nicht so, kann etwas anderes dahinterstecken. Diese Zeichen sprechen für einen Termin:
- Eingerissene, verkrustete Mundwinkel: Laut MSD Manual können Hefepilze der Gattung Candida oder Staphylokokken dahinterstecken, außerdem abgenutzte Zähne oder Zahnersatz, der die Kiefer nicht weit genug auseinanderhält, sowie Eisen- oder Vitamin-B-Mangel. Das gehört behandelt, nicht nur eingecremt.
- Eine raue, schuppige Stelle an der Unterlippe, die nicht verschwindet: Chronische Sonnenschäden können eine aktinische Cheilitis verursachen, die als mögliche Vorstufe von Hautkrebs gilt. Besonders oft betroffen sind Männer über 50 und Menschen mit heller Haut.
- Rote Flecken oder offene Stellen, die nicht abheilen: Sie sollte eine Ärztin oder ein Arzt ansehen und gegebenenfalls eine Gewebeprobe entnehmen.
- Kribbeln, dann Bläschen: Das ist eher Lippenherpes als trockene Haut. Virushemmende Cremes verkürzen einen Ausbruch um etwa einen Tag, und das nur, wenn du innerhalb von 24 Stunden anfängst.
- Rötung und Schuppen, die mit der Pflege eher schlimmer werden: Die AAD nennt eine allergische Reaktion als mögliche Ursache. Klarheit bringt ein Epikutantest beim Hautarzt, am besten mit den eigenen Produkten.
Einen Sonderfall bilden Medikamente. Wer wegen schwerer Akne Isotretinoin einnimmt, bekommt laut Stiftung Warentest während der Behandlung sehr häufig spröde Lippen. Hier hilft intensive Pflege, das Medikament selbst setzt man aber nicht eigenmächtig ab.
Die Lippen sind meist nur der sichtbarste Teil eines trockenen Winters. Was der übrigen Gesichtshaut jetzt guttut, steht bei der natürlichen Hautpflege, und wie Ceramide und Ruhephasen die Hautbarriere stärken, beim Skin Cycling.